Robin Hood ist Lawful Good!

Wir alle kennen das: Mein rechtschaffen-guter Inquisitor enthauptet einen Gefangenen Hobgoblin, damit dieser nicht durch lautes Rufen die ganze Festung auf die Gegenwart der Helden aufmerksam machen kann. Eigentlich wollte ich damit eine längere Debatte darüber, was mit dem Gefangenen passieren soll, beenden. Aber dass war sehr früh in meiner Pathfinder-Karriere und so war ich auf das Folgende nicht vorbereitet: „Dein Charakter ist rechtschaffen-gut, der kann doch nicht einfach einen Gefangenen enthaupten!“ kam es nicht einmal vom Spielleiter, aber von meiner Gruppe. Und da mir die Erfahrung fehlte, liess ich mich auf die Debatte ein, wir verschwendeten fast eine Stunde und am Ende war der Hobgoblin immer noch tot und niemand wirklich glücklich.

Heute, fast tausend Stunden Erfahrung unter einem halben Dutzend Spielleiter als Spieler und mehrere hundert Stunden als Spielleiter später weiss ich, dass solche Debatten eigentlich immer so laufen und darum eigentlich konsequent unterbunden gehören. Vielleicht ist dass auch schon das TL:DR von dem ganzen Text: Keine Alignmentdiskusionen am Spieltisch! Wenn auch nur ein Anfänger das mitnimmt von hier, bin ich schon sehr zufrieden.

Aber hier sind wir ja nicht am Spieltisch… Ich denke Alignmentdiskussionen kommen Hauptsächlich von einem fundamentalen Missverständnis von Alignments. Im Allgemeinen denkt man: Alignments definieren, wie sich ein Charakter verhält. Robin Hood stiehlt Zeugs weil er chaotisch ist und er verteilt es unter den Bedürftigen, weil er gut ist. Darum ist er chaotisch-gut.

Ich denke aber (und wenn ihr in einer Runde spielt, in der ich leite, ist das auch so), Alignments sagen lediglich aus, wie Charaktere zu einigen eher abstrakten Konzepten stehen. Sie definieren weniger was ein Charakter tut, als viel mehr wieso er es tut.

Ein guter Charakter strebt das Gemeinwohl an, er ist altruistisch und glaubt, dass es auch für ihn gut ist, wenn es allen gut geht. Das heisst aber nicht, dass er nie etwas tut, dass nur ihm hilft oder sogar der Allgemeinheit kurzfristig schadet, wenn er glaubt, dass dies langfristig Früchte für alle trägt.

Ein böser Charakter ist da das Gegenteil. Er strebt die Vermehrung der eigenen Macht an, der eigenen Ziele. Er ist ein Egoist. Das heisst aber nicht, dass er nicht auch mal was gute tun kann. Er kann durchaus mal eine grosse Summe an ein Waisenhaus spenden, um mehr Einfluss zu gewinnen oder vielleicht sogar einfach nur um sein Gewissen zu beruhigen.

Ein rechtschaffener Charakter glaubt an Ordnung, Traditionen  Gesetze und dass man sein Wort halten sollte. Das heisst aber nicht, dass er jede Tradition als gut empfindet, nie lügt und nie ein Gesetz brechen würde. Es heisst lediglich, dass er das grundsätzliche Konzept als sehr wichtig erachtet.

Ein chaotischer Charakter hingegen verachtet alle diese Dinge. Er wird trotzdem nicht rumlaufen und anfangen Leute zu ermorden, einfach nur weil es verboten ist. Aber im Prinzip ist er ein Anarchist, der eigentlich keiner Regierung so richtig traut und denkt, dass es eigentlich keine Gesetze braucht. Trotzdem wird er sich an sie halten wenn es ihm passt oder wenn er keine Wahl hat.

Robin Hood ist definitiv gut. Aber er ist nicht chaotisch. Er kämpft nicht gegen die Monarchie. Er kämpft gegen den Monarchen. Wenn König Richard auftaucht sagt er nicht: ‘Geehrter Richard, wir wissen nicht, was wir ohne euch tun würden, aber ab morgen werden wir es mal versuchen.’ Nein, er gibt ihm seinen Thron zurück und schwört ihm Treue und bittet sogar noch um Begnadigung für seine Männer. Er erachtet es als wichtig, dass alles seine Richtigkeit und Ordnung hat. Er ist so rechtschaffen-gut wie ein Charakter nur sein kann.

Bei dieser Herangehensweise sind Alignments nicht mehr Restriktionen von dem, was ein Charakter tun kann oder nicht. Stattdessen sind es effektiv Anhaltspunkte, die uns helfen, Charaktere besser zu verstehen. ‘Dein Inquisitor ist rechtschaffen-gut, der kann das nicht machen!’ wird zu: ‘Wieso macht dein rechtschaffen-guter Inquisitor sowas?’.

Nun, er ist ein Inquisitor, er ist das Gegenstück zum Paladin. Er hat es auf sich genommen all die Dinge zu tun, die ein Paladin nicht tun kann, aber getan werden müssen. Natürlich würde er es vorziehen, den Hobgoblin in die nächste Stadt zu schaffen, wo er dann einen fairen Prozess bekommt. Aber das würde die Mission gefährden. Wenn die Mission scheitert, werden sehr viele unschuldige Bauern in der Sklaverei enden. Und das liesse sich nicht mit dem rechtschaffen-guten Alignment meines Inquisitors in Einklang bringen.